Der Rabe

Leseprobe:

Die Sonne strahlte über der Familienhaussiedlung. Der Himmel strahlte blau und nicht eine Wolke war zu sehen. Vögel zwitscherten, flogen umher und bauten ihre Nester. Die Luft roch nach Frühling. Kinder spielten vergnügt in den Vorgärten und Erwachsene machten ihre Einkäufe oder kümmerten sich um den Garten. 
Franziska kümmerte sich um ihren Haushalt. Der Frühjahrsputz stand an und in der Küche wollte sie den Anfang machen. Schränke waren teilweise ausgeräumt, Geschirr stand auf dem Tisch und auf der Ablauffläche der Spüle standen einige Reinigungsmittel, teilweise geöffnet und andere waren noch geschlossen. 
Sie hatte sich für den Tag vieles vorgenommen. Das Haus war zwar mit seinen zwei Stockwerken zu groß, um alles an einem Tag zu schaffen, aber sie wollte den Elan des Frühlings nutzen, um zumindest mit der Hausreinigung zu beginnen. Mit Glück sollte sie zumindest das Erdgeschoss an einem Tag schaffen.
Ganz so einfach sollte das nicht werden. Immerhin hatte sie ja auch noch um den kleinen Tobias zu kümmern und ihn im Auge zu behalten. Letzteres sollte in diesem Moment nicht so schwer für sie zu sein. Der kleine war ja gerade mal ein knappes Jahr alt. Sie hatte ihn in sein Laufgitter gestellt und einige Spielsachen hineingelegt. Damit konnte er sich zunächst einmal eine gewisse Zeit alleine beschäftigen.
Und Tobias hatte seinen Spaß. Er nahm immer mal wieder etwas anderes zum Spielen und hatte aber auch immer wieder seine Mutter im Blick. Teilweise brach er das ab, was er auch immer gerade tat und sah seiner Mutter zu, was diese gerade tat.
Natürlich sah auch Franziska immer wieder zu ihm hin, ob noch alles in Ordnung war. Als sie wieder einmal ihren Blick auf ihn richtete, bemerkte sie, dass er ihr auch gerade zusah. „Na, kleiner Mann“ lächelte sie ihn an. „Macht die Mama auch alles richtig?“ Tobias zog sich am Gitter hoch, lächelte zurück und nickte mit dem Kopf. 
Franziska hatte gerade Spülmittel in einen Putzeimer gekippt und stellte die Flasche so wie sie war wieder auf die Arbeitsfläche. Sie ging zum Laufgitter und stützte sich mit den Unterarmen ab. „Das finde ich aber toll, dass du auf die Mama aufpasst“ sagte sie. Sie sah neben Tobias auf den Boden. Dort lag Fluffi – Tobias Lieblingskuscheltier. Ein flauschiger Hase, den er immer bei sich haben musste.
Sie nahm ihn in die Hand und hielt ihn vor ihren Sohn. Der griff sofort mit einer Hand zu und kuschelte ihn an seine Brust. „Und Fluffi?“ fragte Franziska. „Passt der nur auf dich auf oder auch auf mich?“. „Ja“ antwortete er. „Na dann kann ja gar nichts passieren und die Küche wird bald richtig strahlen vor Sauberkeit, wenn ich zwei so tolle Aufpasser bei mir sind“ meinte Franziska. Sie streichelte ihm sanft über den Kopf und stellte sich wieder richtig hin. „Ich wische nur noch eben den Boden und dann spielen wir zwei etwas zusammen, ok?“
Tobias nickte lächelnd und sah, wie seine Mutter sich umdrehte und wieder zur Arbeitsfläche ging. Sie nahm die Flasche und den Deckel in die Hand. Sie wollte die Flasche gerade zumachen, als das Telefon klingelte. Sie sah kurz auf und legte dann die Sachen wieder hin. Mit wenigen Schritten hatte sie das Telefon auf der Fensterbank erreicht und hob ab. „Hallo?“ So meldete sich Franziska immer am Telefon. 
Tobias war ihr mit neugierigen Blicken gefolgt. Nachdem seine Mutter das Gespräch angenommen hatte, sah er an ihr vorbei aus dem Fenster. Aus seiner Sicht konnte er jedoch nur den kleinen Baum erkennen, den sein Vater vor kurzem in der Nähe des Fensters eingepflanzt hatte. Tobias betrachtete sich kurz die noch recht kahlen Äste. Aber selbst an diesem Baum war zu erkennen, dass der Frühling angebrochen war. Einige Blätter und Knospen waren zu sehen und seine Eltern hatten ihm gesagt, dass irgendwann später viele Johannisbeeren daran hängen würden.
Sein Blick ging wieder zu seiner Mutter. „Mensch, Konstanze“ sagte sie und Tobias bemerkte, dass seine Mutter nicht mehr so fröhlich aussah, wie eben noch gerade. „Was ist denn passiert?“ Franziska war sichtlich vertieft in das Gespräch. Trotzdem versuchte sie nebenbei weiterhin die Küche zu reinigen. Sie griff zu einem Putzlappen und warf ihn vorsichtig in den Eimer. Während des Gespräches verharrte sie immer mal wieder für einen Moment in ihrer Bewegung.
Sie griff zu einem Schrubber, der an der Spüle angelehnt war und drehte sich wieder weg. Dabei hatte sie nicht gemerkt, dass das Stielende ganz leicht die Flasche mit der grünen Seife berührt hatte. Aber Tobias hatte es gesehen. Er sah die etwas kippelnde Flasche solange an, bis sie wieder ruhig zum Stehen gekommen war.
Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte er eine Bewegung und sah an die Stelle, an der sie aufgetaucht war. Diese Bewegung kam vom Fenster, denn draußen hatte sich ein schwarzer Vogel auf einen Ast gesetzt. Tobias musste lächeln, als er ihn sah. Als der Rabe sich dann jedoch auf einmal umdrehte und ihn direkt anzusehen schien, verschwand das Lächeln und Tobias sah ihn unsicher und interessiert zugleich an.
Über Sekunden hinweg schien der Rabe ihn anzusehen. Das wurde Tobias unheimlich, aber trotzdem wandte er selbst den Blick nicht ab. Irgendwann drehte der Rabe leicht seinen Kopf und blickte woanders hin. Tobias folgte seinem Blick und stellte fest, dass nun seine Mutter das Ziel des Vogels war. Sein Blick wanderte ein paar Mal hin und her und dann stellte Tobias fest, dass der Rabe auf einmal ihn selber wieder ansah.
Plötzlich gab es einen kurzen Blitz. Tobias zuckte zusammen und sah seine Mutter wieder an. Die war immer noch am telefonieren und schob inzwischen die Stühle unter dem Tisch hervor. Offenbar wollte sie zunächst unter dem Tisch wischen. Da sie aber Probleme hatte, das Telefon zwischen dem Kopf und der Schulter einzuklemmen, stellte sie den Schrubber wieder ab. Der kam unbemerkt von ihr leicht ins Rutschen und stieß dabei die Flasche mit der grünen Seife um. Beim Fallen verankerte sich der Stiel im Griff und stoppte von daher ab. Aber aus der Flasche lief etwas Flüssigkeit heraus und bildete eine Pfütze auf den Küchenfliesen. 
Franziska war dermaßen in das Gespräch vertieft, dass sie davon nichts mitbekommen hatte. Sie zog einen Stuhl nach dem anderen unter dem Tisch hervor und telefonierte dabei weiter. Eigentlich hatte sie schon fast freie Fläche, aber einen Stuhl wollte sie dann doch noch weiter entfernt vom Tisch haben. Also ergriff sie die Lehne mit der freien Hand, ob ihn an und wollte ihn etwas weiter weg hinstellen. Bei den Schritten durch die Küche trat sie in die Pfütze mit der grünen Seife. Sie rutschte darauf aus und verlor vor den Augen ihres Sohnes das Gleichgewicht. Mit ihrem Hinterkopf prallte sie gegen die Kante der Arbeitsplatte. Sie landete hart mit ihrem Körper und dem Kopf auf dem Boden. Mit starr aufgerissenen Augen blieb sie leblos liegen. Das Telefon war ihr im Fall aus der Hand gefallen und lag nun dicht neben ihr auf dem Boden. Aus der Hörmuschel hörte Tobias Konstanzes Stimme, die laut nach seiner Mutter rief, aber von der kam keinerlei Reaktion mehr.
Es blitzte wieder kurz auf und Tobias fing an zu weinen und zu schreien. „Maaaaaaaaaaamaaaaaaaaaaaa“ rief er und die Tränen rannten sein Gesicht herunter. „Oh Gott, Tobias“ hörte er da die Stimme seiner Mutter. „Was ist denn mit dir los?“ Immer noch stark am Weinen sah er seine Mutter an. Die stellte den Stuhl wieder hin und lehnte den Schrubber an die Arbeitsplatte. Mit Tränen überlaufenem Gesicht sah Tobias zum Fenster. Dort saß immer noch der Rabe und blickte abwechselnd zu ihm und seiner Mutter. 
Der kleine Junge hatte das schnell gesehen, dass der Vogel immer wieder zwischen den beiden hin und her blickte und sah wieder seine Mutter an. Die war seinem Blick gefolgt und entdeckte den Raben. „Hat der Vogel dir Angst gemacht?“ fragte sie fürsorglich. Dass der Schrubber in den letzten Sekunden ins Rutschen gekommen war, hatte sie nicht bemerkt. Ebenso merkte sie es nicht, dass er die Flasche mit der grünen Seife zum Umkippen gebracht hatte.
Aber Tobias hatte das gesehen und schrie noch lauter und ängstlicher nach seiner Mutter. „Warte mal eben bitte Konstanze“ sagte sie. „Ich muss mich mal eben um Tobias kümmern“. Sie setzte sich eilig in Bewegung, um zu ihrem Sohn zu kommen und registrierte dabei überhaupt nicht, dass dicht neben ihr durch die Seife eine Pfütze auf den Bodenfliesen entstanden war.
Tobias bemerkte das und wollte nicht, dass das, was er eben gesehen hatte, noch einmal geschah, auch wenn er es nicht verstand. Mit aller Kraft in seiner Stimme und seinen Lungen schrie er: „Maaaaaaaaaaaaamaaaaaaaaa“. Franziskas nächster Schritt landete auf der Pfütze. Sie kam ins Rutschen und verlor das Gleichgewicht. Und wieder knallte sie mit ihrem Hinterkopf an die Kante der Arbeitsplatte. Im nächsten Moment lag sie mit weit aufgerissenen Augen und regungslos auf dem Boden. Das Telefon war dicht neben ihr auf dem Boden gelandet und aus der Hörmuschel war Konstanze zu hören, die laut und besorgt nach ihrer Freundin rief. Aber die regte sich nicht mehr.
Tobias sah schreiend und weinend seine Mutter an. Sein Kopf wanderte nach ein paar Sekunden immer noch im Schockzustand zum Fenster. Dort saß der Rabe und sah ihn noch einen Moment an. Dann breitete er die Flügel aus und flog davon.


 

 

 

 

 

 

 

Nicht aufgeben!

Der Beginn der Depressionen

 

Leseprobe:

 

Es war mitten am Tag, aber ich lag trotzdem in meinem Bett. Es klingelte an der Tür und ich zuckte zusammen. Ich bekam Angst und kroch mich in der hintersten Ecke zusammen. Die Decke zog ich hoch, bis an mein Kinn. ‚Oh bitte nicht noch was schlechtes‘ dachte ich. ‚Geh!... Lass mich in Ruhe!‘ Ich fing innerlich an zu glühen und begann zu zittern. Mein Kopf schien platzen zu wollen. Ohne jegliche Bewegung war ich wie erstarrt. Auch nicht das geringste Geräusch sollte verraten, dass ich zu hause war. Immer und immer wieder kreisten die Gedanken in mir: ‚Lass mich! Ich vertrage nicht noch mehr! Bitte geh!‘ Sekunden wurden zu Minuten und Minuten zu Stunden. Ich verlor jedes Zeitgefühl. Ich war nur noch darauf bedacht, nicht das geringste Lebenszeichen von mir zu geben. War es überhaupt nötig zu atmen? So etwas konnte ja auch immerhin Geräusche machen. Aber es war leider nötig. Also selbst dabei so leise wie möglich sein…

Was war passiert, dass es zu diesem Zustand gekommen war? Das ganze hatte sich über mehrere Jahre hinweg aufgebaut. Ich war schon länger auf dem Weg dahin, hatte es aber nicht erkannt oder einfach übersehen. Denn die Anzeichen waren schon da. Die Ehe, in der ich war, wurde immer schlechter. Die Streitigkeiten erhöhten sich und irgendwann konnte ich nicht anders, als Frau und Kind (auch nach Aufforderung des gegnerischen Anwalts) in der Wohnung zu verlassen und mir meine eigene kleine Wohnung zu besorgen. Das was dort zum Schluss abgelaufen war, hatte schon ziemlich an meiner Kraft gezehrt. Irgendwie hatte ich nur noch funktioniert, aber nicht mehr gelebt. Ich hatte Halt bei einer guten Freundin. Aber auch von dort kamen dann Spitzen und ein Freund machte mich darauf aufmerksam, dass die Art und Weise, wie sie mit mir umgegangen war, vollkommen unkorrekt war. Da war der nächste Hammer für mich.

Die Arbeit lief alles andere als gut für mich. Immer wieder wurde ich an neue Stellen weitergereicht und wurde dort gar nicht mehr glücklich. Finanzielle Sorgen kamen hinzu. Ich hatte keinerlei Ahnung, wie ich alle offenen Posten bezahlen sollte. Die Mahnschreiben der Gläubiger häuften sich auch immer mehr. Bekanntschaft mit dem Gerichtsvollzieher musste ich auch schon machen.

Und so lag ich da nun in zusammengekauert in meinem Bett und hatte die Auswirkungen und die Last von all den Dingen zu spüren bekommen. Ich musste erkennen, dass ich an Depressionen litt und professionelle Hilfe brauchte. Denn ich sollte schon bald erkennen, dass ich in diesem Moment trotz allem immer noch nicht ganz unten war…

 

 

ISBN 978-3-8482-5782-9

Verlag: BoD Books on Demand Norderstedt

Preis: 8,90€

Erhältlich bei BoD, über Online-Shops und im Bücherhandel

 

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